Chaka Zulu: Der afrikanische Napoleon


Chaka Zulu: Der afrikanische Napoleon
Chaka Zulu: Der afrikanische Napoleon
 
Chaka Zulu, der Gründer der Zulu, mit fast 7 Millionen Menschen eines der größten Völker im heutigen Südafrika, war ein Furcht einflößender und faszinierender Mann. Tausende von Menschen konnte er an sich binden, aus kleinen zersplitterten Häuptlingstümern hat er in wenigen Jahren ein neues Volk und ein mächtiges Reich geformt.
 
Von seinen Zeitgenossen ist er mit den unterschiedlichsten Namen bezeichnet und beschimpft worden: Wegen seiner militärischen Fähigkeiten und Erfolge wurde er »der afrikanische Napoleon« genannt, wegen der eisernen Disziplin, die er forderte, nannte man ihn einen »blutrünstigen Tyrannen«, wegen der von ihm auferlegten Heiratsordnung hat man in ihm einen sexuell Abnormen und Besessenen gesehen; die enge Bindung an seine Mutter hat aus ihm einen »Homosexuellen« gemacht. Wer war dieser Mann, der als militärisches Genie und Sozialrevolutionär ein großes Staatswesen und ein neues Volk gründete? Worin bestand diese Leistung? Wie hat er es verstanden, revolutionäre Neuerungen einzuführen, die von seiner Gesellschaft und von den Vertretern der alten Ordnung akzeptiert wurden? Was hielt diesen Staat zusammen? Wie war diese Veränderung einer politischen und gesellschaftlichen Landschaft im Großraum östliches Südafrika möglich?
 
 Leben
 
Chaka, mit vollem Namen U-Chaka und später Chaka Zulu, wurde um das Jahr 1787 geboren. Sein Vater Senzangakona war Chef eines kleinen Zulu-Clans, seine Mutter Nandi war aus einem benachbarten Clan. Weil diese Schwangerschaft aber nicht den geltenden Normen entsprochen habe, seien seine Mutter und er am väterlichen Hof nur ungern geduldet worden und hätten häufig bei anderen Verwandten Zuflucht suchen müssen. Erst nach seinem 15. Lebensjahr habe diese Wanderung aufgehört, und Chaka habe bei seinen Altersgenossen durch große persönliche Tapferkeit Anerkennung erfahren. Nach der Tradition hat Chaka also eine schwierige Jugend verbracht, als Ausgestoßener; er ist nicht am Hof des Häuptlings aufgewachsen und wurde nicht in das Leben und die Tätigkeit eines späteren Herrschers eingeführt. Nach anderen Theorien war Chaka, wie auch sein großes Vorbild und späterer Mentor, Dingiswayo, der Herrscher der Mthethwa, schlichtweg ein Usurpator.
 
In beiden Interpretationen war er ein Außenseiter, nicht in den Traditionen seines Volkes groß geworden. Diese besondere Situation und seine persönliche Kenntnis mehrerer Gesellschaften und ihrer politischen Systeme haben in ihm vielleicht eine größere Schärfe in der Beurteilung ihrer Schwächen und Vorzüge geweckt. So blieb er intellektuell unabhängig und konnte leichter moralische Normen sowie politische oder soziale Strukturen infrage stellen.
 
Zur Zeit seiner Jugend waren die Zulu eine zahlenmäßig kleine Gruppe, ein Clan unter vielen anderen innerhalb der Gruppe der Nguni. Diese lebten von Ackerbau und Viehzucht und waren in einer Vielzahl von Clans und Häuptlingstümern organisiert. Der Häuptling beanspruchte als Nachfolger des Gründerahns eine gewisse Autorität. Ihm unterstand eine Vielzahl von Dörfern, die aus einem oder mehreren Clans zusammengesetzt waren, jeweils mit den ältesten oder angesehensten männlichen Vertretern an der Spitze. An der Seite des Häuptlings stand ein Rat aus Vertretern der einzelnen Dörfer; auch wenn diese zu seiner Verwandtschaft zählten, repräsentierten sie doch die lokalen Interessen und stellten durch ihre Kontrollfunktion und ihren lokalen Rückhalt eine Beschneidung der Macht des Herrschers dar.
 
Die Basiseinheit der Gemeinschaft bildete der »Kral«, bestehend aus mehreren Hütten, die um ein Viehgatter herum angelegt waren. Ein Kral war politisch und ökonomisch weitgehend autark, versorgte sich und regelte die eigenen Angelegenheiten selbst. Die Viehzucht hatte eine zentrale Bedeutung, sowohl zur Ernährung wie auch als Statussymbol und als Sozialversicherung für Notzeiten. In der Hand der Herrscher war sie ein wichtiges Instrument der sozialen und politischen Kontrolle; denn das Vieh, vor allem die großen Herden, stellten die wichtigste Form ihres Reichtums und Einflusses dar, die sie durch Belohnung ihrer Parteigänger, durch die Vielehe oder durch Verteilung von Kriegsbeute geschickt einsetzen konnten. Welche Rolle der Handel als Einkommensquelle der Herrschenden gespielt hat, ist umstritten. Sicher waren im Lebensraum der Nguni Auswirkungen der Intensivierung des Elfenbeinhandels zu spüren, der wie der Sklavenhandel über die portugiesische Kolonie Moçambique lief und zum Ende des 18. Jahrhunderts immer stärker zunahm.
 
Chaka soll in seiner Jugend mit den anderen Jungen das Vieh seiner Gastfamilien gehütet haben; dabei habe er sich besonders im Messer- und Speerwerfen geübt. Es wird berichtet, er habe eine schwarze Mamba mit einem Stock erschlagen und einen Leoparden mit einem Handspeer erstochen. Dadurch gewann er sich die Anerkennung der Krieger und der Ältesten; Dingiswayo wurde auf ihn aufmerksam und nahm ihn in die Gruppe der Krieger auf. Um das Jahr 1810 hat er anscheinend zum ersten Mal an einer kriegerischen Auseinandersetzung teilgenommen, unter Dingiswayo; in einem weiteren und entscheidenden Gefecht kämpfte er wieder an dessen Seite gegen dessen wichtigsten Widersacher, Zwide, das Oberhaupt der Ndwandwe. Dabei hat sich Chaka anscheinend durch Tapferkeit und Weitsicht so hervorgetan, dass Dingiswayo ihn mit der Führung seiner Truppen betraute. Nach dem Tode seines Vaters im Jahr 1816 wurde er mithilfe Dingiswayos Häuptling des Zulu-Clans. Chaka hat diese bescheidene Machtposition ausgebaut und eigene Feldzüge gegen kleinere Nachbarvölker unternommen. Dabei machte er sich die schon unter Dingiswayo entwickelte Taktik der Regimenterorganisation und des Handspeeres zunutze; beide Taktiken entwickelte er weiter und wandte sie konsequenter an als die anderen Kriegsführer.
 
Als Dingiswayo 1818 starb, bot sich für Chaka die Möglichkeit, dessen Nachfolge anzutreten und zu einem der mächtigsten Herrscher der Region aufzusteigen. Er besiegte zunächst die Qwabe, dann die Ndwandwe unter dem gefürchteten Zwide. Es folgten zahlreiche Kriegszüge, in denen er andere Völker unterwarf, die tüchtigsten jungen Männer in seine Armee integrierte und reiche Kriegsbeute heimbrachte. Zwischen 1821 und 1824 drang er nach Natal vor, führte auch Feldzüge zum Norden und Westen und schuf so ein Reich, das die Ausdehnung des kleinen Zulu-Häuptlingstums um ein Vielfaches übertraf.
 
Auf dem Höhepunkt seiner Macht kontrollierte er einen Raum von etwa 500 000 Quadratkilometern; bis an den Victoriasee im Norden des jetzigen Tansania erstreckte sich die Fluchtbewegung derer, die vor seinem Herrschaftsanspruch geflohen waren. 50 000 Krieger soll er unter Waffen gehalten haben, eine für seine Zeit und sein geografisches Umfeld ungeheure Zahl. Zugleich suchte Chaka Kontakt zu den Briten an der Südspitze von Natal. 1824 war eine Gruppe englischer Händler in Port Natal (dem heutigen Durban) gelandet und hatte um eine Audienz bei ihm nachgesucht. Chaka erfuhr von ihnen, dass England ein sehr mächtiges Land war, mit einer überlegenen Militärtechnologie; er schloss daraus, dass es ratsam sei, mit den Engländern freundschaftliche Beziehungen zu pflegen und sich mit ihnen gegen gemeinsame Feinde zu verbünden.
 
Nach Abreise einer Delegation zu Bündnisverhandlungen mit den Briten am 30. April 1828 begann Chaka einen neuen Kriegszug gegen die Pondo im Süden, durch den er mit britischen Interessen in Kollision geriet. Ein weiterer Feldzug im Hochland des Nordens erbrachte keine große Beute; zudem fiel dort einer seiner wichtigsten Generäle, Manyundela, und die ständigen Kriege begannen die Soldaten zu schwächen. Die Todesstrafe, die Chaka wegen angeblicher Feigheit gegen eine größere Zahl von rückgekehrten Kriegern verhängte, wurde zum Anlass für seine Halbbrüder Dingane und Mhlangana sowie für seinen Berater Mbopa, ihn am 22. September 1828 zu ermorden.
 
Die Entwicklung, die zu diesem Mord führte, war bereits länger angelegt. Das Jahr 1827 stellte mit dem Tod seiner Mutter einen Wendepunkt im Verhältnis zwischen Herrscher und Volk dar. Nach der Überlieferung soll Chaka über den Verlust der Mutter so betrübt gewesen sein, dass er eine unbefristete und strenge Staatstrauer anordnete, während der jeder Geschlechtsverkehr untersagt war, keine Feldfrüchte angebaut und keine Milch getrunken werden durfte; wer keine ausreichenden Zeichen der Trauer gab, sei hingerichtet worden. Chaka scheint in schwere Depressionen verfallen zu sein und soll grausame Exzesse gegenüber der eigenen Bevölkerung verübt haben. Dies hat zu einer Entfremdung bei einer wachsenden Zahl von Menschen beigetragen und die Verbitterung seiner innenpolitischen Gegner, die durch seine Reformen ihre Macht eingebüßt hatten, geschürt.
 
Chaka ist nie eine Ehe eingegangen und hat stets Distanz zu Frauen gehalten, auch wenn mehrere Frauen ihn in seinem Leben begleitet haben; neben seiner Mutter waren dies vor allem Mbuzikazi, die Mutter seines einzigen Kindes, die ihn durch ihr außerordentlich lebhaftes Temperament und ihre Klugheit beeindruckte, und Pampata, die ihn und seine Mutter während seiner Kindheit beschützt hatte und während seines weiteren Lebens in seiner Nähe blieb und für seine Sicherheit sorgte. Von ihr soll Chaka gesagt haben, sie habe einen schärferen Intellekt als sein bester Berater.
 
 Das politische Umfeld
 
Um die Wende zum 19. Jahrhundert bahnte sich im westlichen Teil Südafrikas die Machtübernahme durch die Engländer an, die im Jahre 1806 definitiv die Vorherrschaft der Niederländer ablösten. Burische Siedler verließen daraufhin im »großen Treck« die Kapkolonie und erkämpften sich neues Siedlungsland im Nordosten, jenseits des Oranjeflusses, und weiter südöstlich, in Natal, wo sie die Republik Natalia gründeten. Gleichzeitig gingen die Grenzkriege der Weißen in der Kapkolonie mit ihren afrikanischen Nachbarn an der östlichen Grenze weiter. Noch weiter im Nordosten, im Norden des Ngunilandes, waren seit Ende des 18. Jahrhunderts andere Entwicklungen eingetreten.
 
Dieses Gebiet zwischen der Küste und dem Hochland der Drakensberge ist sehr fruchtbar und seit langer Zeit dicht besiedelt. Ein enger Küstenstreifen hat zwar eine außerordentlich hohe Regendichte, war aber wegen der Mückenplage in den Sommermonaten weniger dicht besiedelt. Daran schließt sich ein breites Gebiet an, das zu den Drakensbergen langsam ansteigt, das Dornenfeld. Hier sind die Niederschläge geringer, aber die zahlreichen Wasserläufe aus den Bergen machen aus diesem Land sehr gute, ganzjährige Weideflächen und gute Ackerböden. Hier war die Bevölkerungsdichte wohl immer am größten; alle großen Häuptlingstümer, die im 18. und 19. Jahrhundert Bedeutung erlangten, hatten hier ihre Wiege. Das eigentliche Hochland ist eher zu extensiver Viehwirtschaft geeignet. In diesem Raum scheint nach einer längeren Phase ergiebiger Regenfälle seit Mitte des 18. Jahrhunderts die Bevölkerung und ihr Viehbestand so stark angewachsen zu sein, dass gute Böden knapp wurden und es vermehrt zu Auseinandersetzungen um Land kam. Als nach der Jahrhundertwende eine Trockenzeit begann und eine verheerende Hungersnot das ganze Gebiet überzog und zusätzlich Hirtenvölker wie die Hlubi mit ihrem Vieh aus dem Hochland in die tiefer gelegenen Landstriche trieb, wurden die Auseinandersetzungen um Land zu Überlebenskriegen.
 
Zu diesen internen Entwicklungen im nördlichen Siedlungsraum der Nguni kamen externe Einflüsse. Europäische Handelsinteressen drangen vor und machten den Handel zu einem lukrativen Geschäft auch für afrikanische Herrscher. Im Süden der portugiesischen Kolonie Moçambique lagen Handelsknotenpunkte, die im Austausch mit Sansibar, dem Großraum Indischer Ozean und Europa von Bedeutung waren: die Delagoa-Bucht mit der Stadt Laurenço Marques (Maputo) und weiter nördlich der Hafen von Sofala, über den seit Jahrhunderten das Gold von Simbabwe, Elfenbein und Sklaven exportiert worden waren.
 
Die Delagoa-Bucht war zum Ausgangspunkt des Überseehandels mit den Nguni-Völkern geworden, bis sich englische Händler im Jahre 1824 in Port Natal niederließen und eine Alternative zu diesen Handelswegen aufbauten. Die Kontrolle des Handels mit der Küste war auch wegen der militärischen Konsequenzen für die Herrscher der Region von vitaler Bedeutung, weil auf diesen Routen Feuerwaffen ins Land gelangen und das militärische Gleichgewicht verändern konnten.
 
In dieser Konstellation aus ökologischen, politischen und wirtschaftlichen Spannungen war Chaka nicht der Einzige, der um die Vorherrschaft kämpfte, auch nicht der Erste. Andere hatten den Kampf vor ihm aufgenommen, vor allem Zwide, der Herrscher der Ndwandwe, und Dingiswayo, der Herrscher der Mthethwa. Andere kämpften gegen Chaka, flohen aus der Region und wurden an anderem Ort zu Reichsgründern. Aber Chaka war von allen der genialste Heerführer und der Politiker, dessen Werk die nachhaltigsten Auswirkungen hatte.
 
 Das politische Werk Chakas — sein Reich
 
Die Einflusszonen seines Reiches erstreckten sich im Jahre seines Todes, 1828, etwa von Inhambane, weit nördlich von Laurenço Marques am Indischen Ozean, durch den östlichen Teil der späteren südafrikanischen Provinzen Transvaal und Oranjefreistaat zur Küste des Indischen Ozeans; die südliche Grenze bildete der Fluss Bashee. Seine Eroberungszüge führten zu Umwälzungen in der Region, indem viele Häuptlingstümer aufgerieben oder verdrängt wurden. Durch diese Verschiebungen wurde auch der Siedlungsraum anderer Völker betroffen und löste durch deren Verdrängung eine lange Kette der Zerstörung aus, die die Ausmaße einer Völkerwanderung annahm. Diese Welle von Flucht und Zerstörung, »Mfecane« genannt, wird in der südafrikanischen Historiografie im Allgemeinen auf Chaka zurückgeführt, obwohl er nicht ihr alleiniger Auslöser war.
 
Das eigentliche Reich, das mit einer festen Verwaltungsstruktur zusammengehalten wurde, war sehr viel kleiner, es entsprach etwa dem auf Landkarten »Zululand«.
 
Als Chaka 1816 Oberhaupt des Zulu-Clans wurde, lag die Gesamtbevölkerung der Region Zululand bei etwa 78 000 Menschen, in über 50 verschiedenen Clans organisiert. Der Zulu-Clan war mit etwas mehr als 2 000 Menschen zahlenmäßig nicht bedeutend, und Chakas Machtbasis entsprechend bescheiden.
 
Durch die Eroberung und Zusammenbindung einer Vielzahl von Ethnien (und Regionen) hat Chaka ein neues Reich geschaffen. Den Eroberungszügen lag die Zielsetzung zugrunde, die Vorherrschaft, die Dingiswayo erkämpft hatte, als Nachfolger zu übernehmen und weiter auszubauen; welche Rolle dabei die Überlegung einer Sicherung der Lebensbedingungen seines Volkes gespielt hat, ist unbekannt. Sicher wurde sie im Laufe der immer weiter ausholenden Kriegszüge jedoch ausgehöhlt und von der Kriegslogik der »Beschäftigung« der Armee und der Beutebeschaffung eingeholt.
 
 Die politischen und sozialen Strukturen seines Reiches
 
Die politischen Strukturen umfassten die herausgehobene Stellung Chakas, den obersten Rat (»Umkosi«), das Gericht, die »Royal Krals« und die zahlreichen Militärs und Militärberater (»Indunas«).
 
Chaka traf alle wichtigen Entscheidungen selbst und war in diesem Sinne Alleinherrscher. Der oberste Rat, »Umkosi«, wurde einmal jährlich zusammengerufen. Er war unter Chaka nicht mehr Stätte intensiver Diskussionen um die künftige politische Orientierung, sondern vor allem die Gelegenheit, bei der Chaka im Rahmen eines großen Festes des ganzen Volkes seine Entscheidungen und neuen Gesetze mitteilte und sich und das Reich feiern ließ. Die Feier wurde verbunden mit dem Erntedankfest und enthielt zusätzlich eine öffentliche Huldigung des Volkes gegenüber dem Herrscher, eine Truppeninspektion und eine rituelle Feier zur Stärkung des Monarchen.
 
Seine Ratgeber hat Chaka selbst berufen; es waren nicht mehr ältere Würdenträger oder Chiefs, die als Vertreter ihrer Dörfer, Clans oder Familien ein Recht auf die Beratung und Kontrolle des obersten Herrschers hatten, sondern persönliche Vertrauensleute, die über keine Hausmacht verfügten und von seinem Wohlwollen abhingen.
 
Die »Royal Krals« waren Orte, die zur Ansiedlung von Regimentern gegründet und im ganzen Reich errichtet wurden. Durch ihre politische und militärische Funktion wurden sie zu Mittelpunkten des Reiches. Chaka hatte nach der Übernahme des Häuptlingsamtes des Zulu-Clans die soldatische Organisationsform verändert und den Grundstein für ein stehendes Heer aller wehrfähigen Männer gelegt. An die Stelle der Altersregimenter, die eine Einteilung der Männer nach dem Jahrgang ihrer Initiation vorsahen, setzte er eine Einteilung nach großen Altersgruppen, ungeachtet der ethnischen Herkunft oder der sozialen Stellung: So wurden die Männer zwischen 30 und 40 Jahren in einem Regiment zusammengefasst und in einem eigenen »Royal Kral« stationiert, ebenso die Männer zwischen 25 und 30 und die zwischen 20 und 25 Jahren; nur die Mitglieder der ältesten Gruppe behielten ihren sozialen Status bei, alle anderen durften erst nach dem Ausscheiden aus dem Militärdienst heiraten.
 
Auch die jungen Frauen ließ er in ähnlichen »Regimentern« erfassen und in der Nähe der Militärlager ansiedeln. Zwölf solcher Lager mit jeweils mehreren tausend Bewohnern wurden nach und nach eingerichtet. Sie unterstanden der Autorität ernannter Militärs, »Indunas«, und loyaler Verwandter aus der Familie Chakas. Die Soldaten wurden zur Jagd, zum Hüttenbau, zur Waffenproduktion, zur Viehzucht und vor allem zu Kriegs- und Beutezügen des Königs herangezogen; die Frauen bestellten die Felder für den König und die Soldaten.
 
Auf diese Weise waren alle Männer im wehrfähigen Alter und die jungen Frauen in neue Strukturen eingebunden und in wachsender Abhängigkeit von Chaka gehalten: Für ihn zogen sie in den Krieg, für ihn leisteten sie Arbeitsdienste, durch seine Verfügung lebten sie in Regimentern zusammen, fern von ihren Großfamilien und ohne eigene Familie, und vor allem: Ihre ökonomische Basis war nicht mehr der heimatliche Kral mit seinen Aktivitäten und seiner begrenzten Autarkie, sondern das Leben im »Royal Kral« und das Vieh, das sie vom Herrscher als Beuteanteil erhielten. Die so geschaffene persönliche Bindung an den Monarchen war das eigentliche Bindeglied des Reiches. Die traditionellen Faktoren der Zugehörigkeit zu Clans oder Völkern sowie der Loyalität gegenüber den eigenen, alten Würdenträgern und Ältesten waren abgewertet, wenn nicht überwunden.
 
Das persönliche Treueverhältnis zwischen Soldaten und Herrscher hatte aber auch eine unmittelbare Konsequenz für die Legitimationsbasis des Staates, denn an die Stelle der bisherigen Legitimation von Herrschaft durch Tradition trat die Gewalt: Chakas Herrschaft beruhte vor allem auf Gewalt. Sowohl die territoriale Expansion als auch der Umbau der politischen Strukturen sowie der Legitimationsbasis der Herrschaft stellten eine revolutionäre Umgestaltung dar: Die kleinen Häuptlinge und Clanchiefs, die Dorf- und Kralchefs, die Alten, die Institution des Ältestenrates, die Hüter der Tradition, die rituellen Autoritäten, ja selbst die Tradition als umfassende Legitimationsbasis, all dies wurde beim Aufbau des neuen Reiches übergangen und durch neue Organisationskriterien, Formen der Legitimation, neue Normen und Personen ersetzt. Damit war der Clan oder Kral als politisches Lebenszentrum abgewertet; aber auch die Autorität der Alten und der Eltern war verändert, weil alle Jüngeren in die Regimenter abgeordnet waren. Diese Veränderungen forderten aber auch vielfachen Widerstand heraus. Chaka hat zu überzeugen versucht, er hat treue Anhänger um sich geschart, vor allem Jüngere, die nicht so stark in den Traditionen verankert waren. Gegen offene Gegner ist er entschieden vorgegangen und hat sie hinrichten lassen. Eliminierung und Einschüchterung waren die effektivsten Mittel zur Durchsetzung seines Herrschaftsanspruches.
 
Über das politische System hinaus hatten diese Veränderungen unmittelbare Konsequenzen für den Aufbau der Gesellschaft. Die Tradition als Hort des kollektiven Selbstverständnisses, als Basis der Sitten und Gebräuche, der ethischen Normen und Wertesysteme und als Ursprung von sozialen Hierarchien und Schranken wurde abgewertet und tendenziell außer Kraft gesetzt. Damit war der Platz der Menschen in der Gesellschaft offen und neu festzulegen oder zu erkämpfen. Neue Tugenden wurden nun geschätzt: vor allem militärische Qualitäten, Durchsetzungsfähigkeit, Tapferkeit und Treue. Weil Chaka zudem mit dem Prinzip der »Regimentierung« der Gesellschaft auch ein Heiratsverbot für alle Männer bis zum Ausscheiden aus dem Militärdienst, das heißt bis zu einem vergleichsweise vorgerückten Alter, erließ, waren auch Familie und Großfamilie, die Erziehung von Kindern und das Verhältnis der Geschlechter unmittelbar betroffen. Diese Auswirkungen wurden noch dadurch verstärkt, dass alle Männer im wehrfähigen Alter in eine neue Wirtschaftsform, eine Art Kriegswirtschaft, integriert wurden und dem heimatlichen Kral als Arbeitskräfte nicht mehr zur Verfügung standen. Der Haushalt als ökonomische Einheit und Basis der wirtschaftlichen Autarkie hatte nicht mehr die alte Bedeutung, und die bisher bekannten und bewährten Formen der gesellschaftlichen und geschlechtlichen Arbeitsteilung waren überholt.
 
 Die militärischen Neuerungen
 
Die militärischen Neuerungen liegen im organisatorischen und taktischen Bereich. Chaka hat neben der Einführung eines stehenden Heeres und der Regimentierung der Gesellschaft kriegstaktische und waffentechnische Innovationen weiterentwickelt, so die Einführung des Handspeeres, der den Wurfspeer ablöste und im Nahkampf erhebliche Vorteile hatte. Die von seinen Heerführern eingesetzte »Schlachtordnung« basierte neben dem schnell vorgetragenen Überraschungsangriff auf der Zangenbewegung; kombiniert mit dem Handspeer war diese Taktik außerordentlich erfolgreich.
 
Die grundsätzliche Einstellung zum Krieg war ein weiteres Unterscheidungsmerkmal. Vor Chaka bestanden die Kriegsziele in der Besetzung von Weideplätzen und Tränkestellen, in der Erbeutung von Vieh oder auch von Frauen. Chakas Ziel hingegen war neben der Beute die Vernichtung des Gegners, die Tötung auch von alten Menschen, Frauen und Kindern sowie die Integration junger Männer in sein Heer. Wahrscheinlich war dies einer der Auslöser der völkerwanderungsähnlichen Fluchtbewegung in seinem Umfeld.
 
 Die Schwachstellen des Reiches
 
Die größte Schwäche in Chakas Reich lag in der mangelnden wirtschaftlichen Basis: Nicht mehr die Produktion stand im Mittelpunkt, sondern der Krieg, die Erbeutung des Mehrprodukts benachbarter Völker und die Zerstörung ihrer Produktivkraft. Der dadurch angehäufte Reichtum wurde nach allem, was wir von der Organisation der Wirtschaft unter Chaka wissen, nicht umgesetzt in eine Steigerung der Produktion oder eine Verbesserung der eigenen Produktionsmethoden, er diente vielmehr dem Konsum und der Freistellung von Arbeitskräften für die Kriegsführung. Hierin war das Reich Chakas vielen Staatswesen in der Geschichte der Menschheit ähnlich; viele Reiche und ihre Herrschenden haben zum Teil über sehr lange Zeiträume von den Abgaben ihrer Untertanen und den Tributen unterworfener Völker gelebt, ohne sich um den Ausbau von Produktions- oder Kommunikationsstrukturen zu kümmern. Aber darin lag immer auch ihre strukturelle Schwäche.
 
Auf politischer und gesellschaftlicher Ebene wurde diese Schwäche durch die extreme Ausrichtung auf die Person Chakas noch verstärkt, indem viele Menschen in ihrer Eigeninitiative und ihren Führungsfähigkeiten entmutigt wurden. Desgleichen hat sich die Ausschaltung der Tradition und ihrer Träger sowie die Unterdrückung der Opposition negativ auf die politische Stabilität und das Entwicklungspotenzial des Reiches ausgewirkt. Selbst das so gerühmte persönliche Treueverhältnis der Soldaten zu Chaka und damit seine wichtigste Machtbasis lagen auf zerbrechlichen Fundamenten; denn die Solidarität der herrschenden Schicht um Chaka war brüchig, weil diese zu bunt und zufällig zusammengesetzt war und ihre Partikularinteressen zu unterschiedlich blieben.
 
 Die Perspektiven
 
Die Perspektiven, die sich diesem Staatswesen zu Beginn des 19. Jahrhunderts boten, waren trotz seiner inhärenten Schwächen grandios. Chaka hatte es geschafft, sich an die Spitze einer expandierenden Föderation verschiedener kleiner Clans und Häuptlingstümer zu stellen und ein riesiges Reich aufzubauen. Es integrierte zahlreiche ethnische Gruppen zu einem neuen Volk und vertrieb viele andere, die sich nicht unterordnen wollten. Der Aufstieg einer Ordnungsmacht in einer Region wachsender Kriegsbereitschaft konnte friedensfördernd wirken. Auf pervertierte Weise hat Chaka in der Tat dazu beigetragen, indem große Gruppen in die Flucht oder in den Tod getrieben wurden. Langfristig ist aus diesen Trümmern und Toten die reale Vormachtstellung eines Volkes als neue regionale Großmacht hervorgegangen. Darin liegt die große Bedeutung Chakas und seiner Nachfolger, diese Leistung wirkt bis heute nach.
 
Der neue Staat verfügte über ein erhebliches Entwicklungspotenzial; denn die revolutionären Veränderungen hatten den Weg freigemacht für soziale Mobilität und die Bindung von Führungsaufgaben an persönliches Verdienst; auch die Integrationskraft des Reiches und die Anpassungsfähigkeit seiner Kultur waren Zeichen großer Vitalität. Das Reich hat den Tod Chakas überlebt, es hat unter Cetshwayo den Briten in der Schlacht von Isandhlwana im Jahre 1879 die bitterste Niederlage bereitet, die weiße Truppen je von einem schwarzen Volk in Afrika hinnehmen mussten; und heute leben die Nachfahren dieses Volkes der Zulu im unabhängigen Südafrika und betonen selbstbewusst ihre kulturelle Identität.
 
Leonhard Harding
 
 
Jean Sévry: Chaka, empereur des Zoulus. Histoire, mythes et légendes. Paris 1991.
 Daphna Golan: Inventing Shaka. Using history in the construction of Zulu nationalism. Boulder, Colo., 1994.
 Stephen Taylor: Shaka«s children. A history of the Zulu people. London 1994.
 Carolyn Hamilton: Terrific majesty. The powers of Shaka Zulu and the limits of historical invention. Cambridge, Mass., 1998.

Universal-Lexikon. 2012.

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